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Markus Kurz - Radio Dreyeckland Freiburg - Jazzredaktion


Michel Portal - Dockings
(Label Bleu LBLC 6604 - EFA/Rattay)
Aldo Romano - Corners
(Label Bleu LBLC 6615 - EFA/Rattay)


Das französische Label Bleu setzt mit seinen aktuellen Veröffentlichungen weiterhin energische Impulse für den europäischen Jazz frei. Es seien an dieser Stelle nur einige der für den neuen europäischen Jazz stehenden Namen erwähnt: Michel Portal, Aldo Romano, Louis Sclavis, Henri Texier oder etwa Bojan Z.(Zulfikarpašic), der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Pianist, der jüngst mit seiner dritten CD bei Label Bleu, „Koreni“ reüssierte. Vor allem die Verbindung von ungebrochender Experimentierfreude mit den Wurzeln der europäischen (Volks-)Musik bringt neue, innovative Sounds, die man von amerikanischen Musikern derzeit nur allzu oft vermißt.

Michel Portal und Aldo Romano, beide nicht mehr ganz die Jüngsten, haben über lange Jahre auf mehr oder weniger stillen Wegen bei den Insidern der südeuropäischen Jazzszene „Solid Ground“ erreicht. Mit ihrer aktuellen Musik definieren sie neue Fixpunkte im europäischen Jazz. Ständig wechselnde Rhythmik. Das Chaos wird gestreift, aber stets mit melodischem, folkloristischem Spiel umgangen, als Blasinstrument dominiert die Klarinette, nur Portal setzt ab und an sein Sax ein.

Dockings - Anlegepunkte, vielleicht auch Berührungspunkte, in diesem Fall der Musik von Michel Portal mit dem umgebenden kulturellen Raum in dem sie entstanden ist, den Traditionen der Folklore des Mediterraneums, die deutlich herauszuhören sind aus diesen Musiken Michel Portals. Mit einer geradezu frappierenden Experimentierfreude werden diese Eindrücke von den sechs Musikern umgesetzt in ein musikalisches Kaleidoskop.

Man kann es sich vielleicht wie in einem guten Film vorstellen: Unterwegs sein, Eindrücke, Begegnungen, fremde Stimmungen und Töne. Langsam aus der Ferne, um die vielen Ecken und Winkel einer orientalischen Stadt dringt diese faszinierende, fließende, rhythmisch vielschichtige Musik ein, entfaltet eine magische Anziehungskraft und zieht einen unsichtbaren Kreis, dem man nicht mehr entkommen kann. Selten genug, daß ich eine Platte von Anfang bis zum Ende durchhöre, aber diese „Filmmusik“ ist so spannend, daß man einfach dranbleiben muß. Improvisationsfeuerwerke wechseln ab mit elegischen Phasen, die leuchtende Pfade in die umgebende Stille weisen. Und man wird immer weiter hinein gezogen in diesen Markt der Töne. Eine unglaubliche musikalische Dichte.

Schaut man sich einmal die musikalische Historie von Michel Portal an, so ist das weniger verwunderlich, denn er bringt einen enormen Erfahrungshorizont mit: Geboren 1935 im französischen Baskenland hat er eine klassische musikalische Ausbildung absolviert und ist dann über die Brücke der Neuen Musik des „Ensemble Musique Vivante“ in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zum Free Jazz gekommen, als Mitglied im „New Phonic Art Quartet“, sowie ab 1971 mit seiner eigenen Formation „Portal Unit“, die vor allem musikalischen Freigeistern eine Plattform des Austausches bot. Portal schrieb auch diverse Soundtracks und interpretiert Komponisten wie Mauricio Kagel, Pierre Boulez oder Stockhausen. Trotzdem konnte Portal in Deutschland bisher aus unerfindichen Gründen nicht das Bewußtsein einer größeren (Jazz-)Audienz erlangen, was sich hoffentlich mit der aktuellen CD „Dockings“ bald ändern wird.

Der italienische Drummer Aldo Romano, 1941 im norditalienischen Belluno geboren, lebt heute hauptsächlich in Frankreich. Er versucht die Vielfalt seiner Musik anders zu thematisieren: „Corners“, Straßenecken, an denen man nach dem Weg fragt, sich unterhält, vielleicht einen Kaffee trinkt, die Kultur eines Landstrichs spürt, wo das Leben pulsiert. Und diese Ecken können unterschiedlicher kaum sein, was auch bereits das Cover signalisiert, das auf der einen Seite das lichterflimmernde Nachtleben einer Großstadt und auf der anderen Seite die verlassenen Gassen eines mediterranen Dorfes zeigt.

„Corners“ meint aber auch Ecken, die eine bestimmte, mit den spezifischen Orten verbundene Musik oder Erinnerung wachrufen sollen. Die 15 Titel, fast alle von Aldo Romano selbst komponiert, entfalten südlichen Charme. Das Stimmengewirr im Intro zur CD „Port au Prince“ ist denn auch eine „vor Ort“ in Port au Prince, der Hauptstadt von Haiti, aufgenommene Sequenz im Bus, in der Aldo Romano den Weg nach Petionville erfragt, einem Vorort der Stadt. Und „Petionville“ ist folglich auch der Titel des zweiten Stückes. Weitere Orte werden angesteuert auf „Corners“, so etwa Stompin’ „Storyville“, oder Folkloristisches auf „Brothers of Land (Camp David)“. Mit „Song for Elis“ ist schließlich auch eine schöne Ballade dabei, die wohl an Elis Regina erinnern soll, die viel zu früh verstorbene brasilianische Chansonnière.

Mit Michel Portal übrigens hat Romano bereits während der Entstehungszeit des Free Jazz in den 60er Jahren zusammen gearbeitet. Reine Free-Jazz-CDs will aber heute wohl keiner der beiden mehr machen, allenfalls mal ein Live-Konzert mit Peter Brötzmann, wie etwa Romano 1998 beim Festival in Nantes. In den 80er Jahren hat Romano den jüngst verstorbenen französischen Pianisten Michel Petrucciani gefördert und mit ihm zusammen drei Platten aufgenommen. Das bevorzugte Timbre setzt sich aus folkloristischen Elementen aus Frankreich und Italien zusammen, gepaart mit Jazz und dem ein oder anderen modernen Beat.

Bereits die Ende letzten Jahres erschienene CD „Palatino“, mit dem gleichnamigen Ensemble aufgenommen, war eine für diesen Sound beispielhafte Produktion des europäischen Jazz. Mit „Corners“ kommt ein weiterer Meilenstein dazu, und angekündigt ist bereits der zweite Teil der bislang erfolgreichsten Label Bleu-CD überhaupt, „Carnets des Routes“ mit Henri Texier und Louis Sclavis, auf der Eindrücke aus Ost- und Südafrika verarbeitet werden sollen. Aldo Romano: ein kosmojazziges Energiebündel, aber auch ein Filigrantechniker an seinem Instrument.


>Vorgestellte< Titel:

Musiker:

Aufnahmedatum: Juni 1997

Musiker:

Aufnahmedatum: Juli 1998


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© markus kurz 99.06.06